Frostblumen

27. Februar 2008

Die Katastrophe ist global: nicht nur dort, wo viel Quecksilber ausgestoßen wird, lässt sich das Schwermetall nieder. Wind, Wasser, belastete Vögel, Fische und andere wandernde Tierarten verteilen das Gift auf dem ganzen Planeten, bis in die entlegensten Winkeln der Welt.

Doch woher kommen die sehr hohen Quecksilber-Konzentrationen im arktischen Eis? Zum Teil sind die Böden hier stärker belastet als rund um Kohlekraftwerke. Offenbar unabhängig voneinander sind amerikanische Militärfoscher und ein deutsch-französisches Forscherteam der Sache nachgegangen. Während bei uns Schneeglöckchen als Frühlingsboten fungieren, bilden sich auf dem zart schmelzenden Frühlingseis in der Arktis sogenannte Frostblumen. Die Berliner Zeitung erklärt es recht anschaulich:

„Frostblumen entstehen auf gefrierendem Meereis. Das Salz gefriert nicht mit, sondern sammelt sich als konzentriertes Salzwasser unter anderem am Rande der jungen Eisschollen. Obenauf bildet es eine Pfütze. An Unebenheiten der Eisscholle kondensiert Wasserdampf aus der Luft und bildet Kristalle.“

Diese wenige Zentimeter großen Kristalle enthalten mehr als drei mal so viel Salz wie das Meerwasser, unter anderem Brom. Die Frostblumen verströmen keinen betörenden Duft, sondern Brom. Gegenüber der Welt erklärt ein deutscher Polarforscher:

„Im jeweiligen Frühjahr haben wir in der Arktis und Antarktis genau jene Sonnenintensität, die vermehrt etwa Brom- und Natriumsalze aus den Blumen heraus in die Atmosphäre befördert.“

Die Bromverbindungen zerstören bodennahes Ozon und verbindet sich mit Quecksilber zu stark giftigem Quecksilberbromid. Klar ist, dass das Quecksilber nicht ursprünglich aus dem Meer stammt. Das Metall kommt hier nicht natürlich vor. Es stammt aus Müll- und Kohleverbrennung, Chlorproduktion, Krematorien und anderen Industrieanlagen. Die amerikanischen Forscher fordern laut Spektrum der Wissenschaft, den Quecksilber-Ausstoß aus Kohlekraftwerken zu verringern. Ein Gesetz dafür ist in Arbeit: die Bush-Regierung hatte ein Handelssystem vorgeschlagen, nachdem jedes Kraftwerk Quecksilber-Zertifikate bekommen hätte. Ein Gericht hat dieses System Anfang Februar gekippt und strengere Maßnahmen gefordert.

(Danke für den Hinweis an Lars Fischer)


Salzburg sieht Rot

26. Februar 2008

180px-le_brun.jpgIn der Salzburger Residenzgalerie wird ab 8. März die Ausstellung „Rot Red Rouge – Studien zu einer Farbe“ gezeigt. In der Ankündigung heißt es:

„Rot ist die auffälligste Farbe, die entwicklungsgeschichtlich schon sehr früh mit symbolischer Bedeutung und damit im archaischen Denken mit magischen Vorstellungen verknüpft wird. Die komplizierte Herstellung des roten Pigments Zinnoberrot (Quecksilbersulfid) aus Quecksilber und Schwefel war nicht nur den Künstlern vertraut, sondern stellte auch für die Alchimisten eine bedeutende rituelle Handlung dar. Rot ist in unserer Kultur und Wahrnehmung die Farbe des Lebens, der Freude, der Leidenschaft und der Liebe, aber ebenso der Aggression und damit verbunden der absoluten Demonstration von Macht. Die traditionelle europäische Malerei nutzt diese signifikante Vielschichtigkeit der Symbolik der Farbe Rot, die bereits in der Interpretation im klassischen Farbenkanon hin und her schwankt zwischen der Reduktion auf sinnlichen Reiz und reinen Dekor einerseits sowie komplexer ikonographischer Inhalte andererseits […] In der Ausstellung werden barocke Gemälde Werken der Gegenwartskunst gegenübergestellt.“

Bild: Charles Lebrun im Selbstporträt


Wer baut da eigentlich?

25. Februar 2008

Dass das Kraftwerk in Lubmin (Meck-Pomm) von einem dänischen Staatskonzern gebaut werden soll, hat in unserem Nachbarland schon für innenpolitischen Streit gesorgt. Dort ist der Neubau von Kohlekraftwerken nämlich verboten. Das hindert DONG Energy nicht daran, jetzt auch noch zusätzliche Pläne für ein Kraftwerk in Emden vorzulegen.

Ähnlich wie DONG geht es dem halbstaatlichen Unternehmen BKW Energie AG aus der Schweiz. Sie wollen sich an dem Electrabel-Kraftwerk in Wilhelmshaven mit 435 Mio. Euro beteiligen (Electrabel ist übrigens ein belgisches Unternehmen) und in Dörpen und Nordenham eigene Kohlekraftwerke bauen. In Bern sorgt dies jetzt für Ärger. Hier regiert ein rot-grünes Bündnis, dass sich gegen Atom- und Kohlekraft einsetzt. Ein sozialdemokratisches Regierungsmitglied meinte gegenüber der Zeitung Beobachter: „Die BKW-Führung tanzt dem Kanton Bern auf der Nase herum und verhöhnt mit den Plänen für Kohlekraftwerke die Regierung.


Tatort Müllexporte

25. Februar 2008

ElektroschrottWer keinen Fernseher hat, kann sich meist nur zwei Sendungen in Kneipen ansehen: Fußball (evt. auch andere Sportarten) und Tatort. Gestern habe ich mal wieder einen Sonntagskrimi gesehen. Drehort war Hamburg, es ging um illegale Müllgeschäfte mit Elektroschrott, der als Entwicklungshilfe getarnt nach Indien, China und andere Länder gebracht wird. Das Drehbuch ist in diesem Punkt alles andere als frei erfunden, solche Verschiebungen finden leider tatsächlich statt. Der Müll wird dort mit bloßen Händen von Kindern auseinander genommen, um an die Edelmetalle zu gelangen.

Vor ein paar Monaten habe ich über das Engagement meiner Partnerorganisation Toxics Link India berichtet (hier, mit tollem Video).

Immerhin hat die EU den Kampf aufgenommen und will ihn jetzt verstärken. Das Problem sind nicht fehlende Gesetze, sondern kriminelle Machenschaften. Das Impel Netzwerk (ein informelles Netzwerk nationaler Behörden zur Umsetzung von Umweltrecht) und das Sekretariat der Basel-Konvention wollen enger zusammen arbeiten, sich besser abstimmen und die illegale Verschiffung von Elektroschrott aus der EU in Entwicklungsländer stärker bekämpfen (Pressemitteilung, Word-Dokument).

Foto: Schockwellenreiter auf flickr.com (CC-BY-NC-ND)


RoHS-Überarbeitung: Wie schädlich ist Quecksilber?

25. Februar 2008

RoHS heißt eine EU-Richtlinie zur Beschränkung der Verwendung bestimmter gefährlicher Stoffe in Elektro- und Elektronikgeräten. Seit 2002 dürfen Blei, Cadmium, Quecksilber, sechswertiges Chrom und bromierte Flammschutzmittel in den meisten Elektrogeräten nur noch sehr eingeschränkt verwendet werden (für Bastler: das ist der Grund, warum es nur noch bleifreien Lötzinn gibt). Nun steht eine Überarbeitung an. Industrieverbände wollen RoHS am liebsten ganz abschaffen, Umwelt- und Gesundheitsverbände ausweiten (gemeinsame Position verschiedener Verbände, PDF).

Die EU-Kommission hat ein Gutachten erstellen lassen, dass die  Gefährlichkeit der bisher reglementierten Stoffe (PDF, 189 S.) beurteilt.  Dabei wurden verschiedene Kriterien berücksichtigt, etwa die Wirkung in bestimmten Umweltmedien (Wasser, Boden, Luft), über verschiedene Zeiträume und Reichweiten, auf Menschen und Natur. Ich erspare mir lange Tabellen, ein Ergebnis ist jedenfalls (S. 67 f.):

with regard to the different hazardous substances, it seems that Hg [=Quecksilber] has always the highest ecotoxicity potential, both for all the different environmental compartments, as for the different types of ecotoxicity (fresh water, sediment and terrestrial);

hinsichtlich der verschiedenen Schadstoffe scheint Quecksilber in jedem Fall das höchste Umweltschädlichkeits-Potential zu haben. Dies gilt für alle verschiedenen Umweltmedien, wie auch für verschiedene Typen der Umweltschädlichkeit (Frischwasser, Bodenablagerungen, weltweit)

Betrachtet man nur die Wirkung auf den Menschen, ist Quecksilber wiederum in drei Kategorien am gefährlichsten: im Süßwasser, im Meer und auf industriell genutzten Böden. In der Luft ist dagegen sechswertiges Chrom sehr viel gefährlicher als alles andere. Und auf landwirtschaftlich genutzten Flächen ist Cadmium am schädlichsten für Menschen.


Gesucht: Quecksilber

25. Februar 2008

Die Polizei Berlin sucht drei Kilogramm Quecksilber, die den Berliner Wasserbetrieben (BWB) gestohlen wurden. Die beiden Spezialbehälter (Plomben) waren in einem verschlossenen Lagerraum gelagert und sollten jetzt sicher entsorgt werden. „Das Quecksilber war beim technisch bedingten Austausch von Druckmessern und Relais gesammelt und dann in die Plomben umgefüllt worden“, sagte BWB-Sprecher Stephan Natz der Berliner Morgenpost. Der Einsatz von Quecksilber in viele Elektrogeräten ist seit 2002 in der EU verboten. Die Polizei warnt die Bevölkerung dringend vor dem Ankauf oder dem Öffnen der sogenannten Plomben und bittet um sofortige Benachrichtigung, falls die Behälter aufgefunden werden.

Der Preis von Quecksilber auf dem Weltmarkt beträgt meines Wissens etwa 20 Dollar pro Kilogramm. Viel ist mit dem Schwermetall also nicht zu verdienen. Im Gegenteil: da es nur noch wenige Anwendungsbereiche gibt und die Nachfrage in der EU sinkt, fallen teure Entsorgungskosten an. Das beste für die Diebe ist wahrscheinlich das Zeug reumütig zurück zu bringen.


Brunsbüttel und Stade

24. Februar 2008

Für das geplanten Kohlekraftwerke der Firma SüdWestStrom wurde in Brunsbüttel das Bauleitplan-Verfahren begonnen. Frist für Stellungnahmen ist der 14. März. Electrabel und GETEC wollen ebenfalls in Brunsbüttel neue Kraftwerke bauen. Jedes der Kohlekraftwerke hat eine höhere Leistung als das derzeit laufende wegen Pannen stillgelegte AKW Brunsbüttel (offizielle Stilllegung: 2009). Die BI Unterelbe engagiert sich gegen die Pläne.

In Stade hat das Genehmigungsverfahren für ein 800 MW-Kraftwerk von Electrabel begonnen (Hamburger Abendblatt). Die Unterlagen liegen bis zum 26. März aus, Einwendungen müssen bis zum 9. April eingereicht werden. Zuständige Behörde ist das Gewerbeaufsichtsamt Lüneburg. E.On und EnBW planen weitere Kraftwerke in Stade. Zusammen hätten die drei Blöcke 2600 MW. Zum Vergleich: das 2003 stillgelegte Atomkraftwerk Stade brachte nur 700 MW. Protest kommt von der BUND Ortsgruppe.