Müll für Leipzig und Bremerhaven

Bei der Müllkrise in Süditalien eskaliert die Situation zunehmend: die Armee ist im Einsatz, Schulen sind geschlossen, wütende Bürger zünden Müllberge an. Aus der Region Kampanien wird schon seit 2001 unsortierter Hausmüll exportiert – nach Deutschland. Doch derzeit nimmt der Müll wieder überhand.

Die deutsche Firma Remondis importiert laut Spiegel Online „weit unter 1000 Tonnen“ unsortierten Müll täglich aus Süditalien nach Bremerhaven. Die Westsächsischen Entsorgungs- und Verwertungsgesellschaft (WEV) holt weiteren Müll nach Leipzig. Eine Zugladung fasst 500-600 Tonnen. Der Preis für den Transport (1600 km) und die Entsorgung für jede Tonne kostet schätzungsweise 200 Euro. Jeder Transport bedeutet somit eine Geschäft von 100.000 Euro.

Die Frankfurter Allgemeine zitiert italienische Medienberichte, nach denen derzeit wöchentlich 2500 Tonnen Müll nach Deutschland gebracht werden. Jetzt soll diese Menge auf 17.000 Tonnen pro Woche gesteigert werden. Norditalien und die Insel Sardinien weigern sich den Müll aus Süditalien anzunehmen. Daher bleibt als schnelle Lösung nur der Transport ins Ausland. Trotzdem kommt Deutschland in den Medienberichten nicht gut weg. „Deutschland habe sich freiwillig zur Müllkippe Europas gemacht, hieß es in den Hauptnachrichten des Staatssenders Rai, doch die Deutschen verdienten gut daran“, schreibt die FAZ.
Die Leipzig-Seiten berichten über die Hintergründe des Müllimports in ihre Stadt:

„In der Deponie Cröbern hatte die Westsächsischen Entsorgungs- und Verwertungsgesellschaft (WEV), auch auf Druck der sächsischen Landesregierung die größte mechanisch-biologische Anlage zur Müllbeseitigung in Deutschland gebaut. Ausgelastet war sie nie. Da kommen die Müllimporte aus Italien wie gerufen.“

Ein Manager der WEV bezeichnet es gegenüber Spiegel Online dagegen als „Hilfsaktion“. Der umweltpolitische Sprecher der Grünen im Sächsischen Landtag, Johannes Lichdi, meint dagegen, dass die Deponie überdimensioniert sei und Müll „aus aller Herren Ländern“ brauche, um „möglichst profitabel“ zu arbeiten. „Mit Solidarität hat das nichts zu tun. Es ist für jeden ersichtlich, dass sich die Situation in Italien über Jahre nicht verbessert hat.“ 2005 wurden demnach 135.000 Tonnen Müll aus Italien nach Sachsen gefahren.

Aber Süditalien exportiert nicht nur Müll, sondern importiert auch welchen. Die Wochenzeitung aus der Schweiz schreibt über die Machenschaften der „Mafiosi von der Camorra“:

„Sie beteiligen sich an den mit der Entsorgung betrauten Müllkonsortien, sie stellen die Lastwagen, wenn wieder einmal Neapel sauber gemacht werden muss, sie kaufen billig Ackerland auf – und reichen es dann teuer an den Staat weiter, damit der dort «Ökoballen» zwischenlagern kann. Das Mitmischen der Camorra hat dazu geführt, dass die BürgerInnen alles, was mit Müll zu tun hat, mit höchstem Misstrauen verfolgen. Der Grund dafür ist ein zweites, kriminelles Müllbusiness: Während Kampanien seit Jahren einen Teil seines Hausmülls exportieren muss, ist es selbst Grossimporteur einer anderen Sorte Abfall: hochgiftigen Industriemülls. Egal ob Schwermetalle, Blei, Quecksilber, Dioxin oder Asbest: Die Camorra beseitigt einfach alles; vor allem norditalienische Firmen freuen sich über die konkurrenzlos niedrigen Preise der «Entsorger» aus Kampanien. Die vergraben den Dreck einfach – und haben mit geschätzten mehr als 2000 illegalen Deponien zum Beispiel die Gegend nördlich von Neapel flächendeckend verseucht. Die Folgen für die ansässige Bevölkerung sind dramatisch: Die Leber- und Lungenkrebsraten liegen weit über dem Landesdurchschnitt.“

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