„Fliegen Sie doch lieber“

29. Januar 2008

Mit der Bahn durch Europa? Früher nannte sich das Interrail, war sehr beliebt und einigermaßen finanzierbar. Heute empfehlen einem die Verkäufer am Bahnschalter: „Fliegen Sie doch, nach Wales können Sie mit Air Berlin ganz günstig hinkommen!“

Ich wurde schon komisch angeschaut, als ich weiter als nach Paris wollte. Und dort fährt der Nachtzug von Berlin direkt hin! Weil Bahnstreik war (in Frankreich!) bin ich dann mit dem Bus gefahren, weiter hätte ich es aber wohl nicht geschafft. 15 Stunden waren genug. Wie ich im Sommer zur Hochzeit meiner Cousine nach Neapel komme, habe ich noch nicht rausgefunden. Bahn? 22 Tage Interrail kosten 469 Euro. Bus? Mit vielen Zwischenstopps bei verstreuten Freunden ginge das vielleicht sogar. Oder doch fliegen und für Atmosfair spenden?


„Gegen Kohle mache ich alles“

29. Januar 2008

Ich habe die Übersichtsseite für Kohle mit ein paar Links aktualisiert. Hier Infos zu einzelnen Standorten im Schnelldurchlauf:

In Mainz läuft bis zum 15. Februar das Einwendungsverfahren gegen das geplante Kraftwerk. Die Gegner haben eine sehr hilfreiche Seite hierzu erstellt: www.Einspruch-Kohlekraftwerk.de. Mit Textbausteinen kann man ganz leicht ein individuelles Einwendungsschreiben erstellen. Wie in Mainz, hat sich jetzt auch in der Nachbarstadt Wiesbaden eine Ärzteinitiative gegründet.

In Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern) haben sich 90 Wissenschaftler gegen den Neubau eines Kohlekraftwerks ausgesprochen.  Die junge Welt widmet dem Kraftwerk heute einen langen Artikel: „Noch ist nichts verloren“ und geht auch auf die zu erwartenden Schadstoffe ein:

Steinkohle [enthält] eine Reihe giftiger Schwermetalle wie Cadmiun, Blei und Quecksilber. Urzeitliche Pflanzen haben diese Gifte einst aus der Umwelt gefiltert und angereichert. Nachdem sie abgestorben sind und im Laufe der Jahrmillionen zu Steinkohle zusammengepreßt wurden, finden sie sich nun dort in konzentrierter Form.

Für Quecksilber gilt zum Beispiel, daß im Tagesdurchschnitt ein Kubikmeter Kraftwerksabgase nicht mehr als 30 Mikrogramm des giftigen Metalls enthalten darf, und DONG plant offenbar, diesen Grenzwert voll auszuschöpfen. Aus den Schloten der beiden Blöcke, so Michael Deutschbein, der von Hamburg aus im Auftrag für DONG für den Kraftwerkbau wirbt, sollen pro Stunde 4,28 Millionen Kubikmeter Abgase quellen. Nach Möglichkeit soll die Anlage 7500 von 8760 Stunden im Jahr laufen. Da kommt dann trotz des scheinbar niedrigen Grenzwertes schon rund eine Tonne an Quecksilber zusammen, die am Greifswalder Bodden künftig Jahr für Jahr in die Luft geblasen würde, um über der Ostsee, dem angrenzenden Naturschutzgebiet und den Stränden der Tourismusregion niederzugehen.

In Wilhelmshaven (Niedersachsen) läuft offenbar das Anhörungsverfahren. Der Antragsteller, Electrabel, hat alle Unterlagen im Internet veröffentlicht. Neben der BI Zeche Rüstersiel hat sich dort jetzt auch eine Ärzteinitiative gegen die geplanten Kraftwerke gebildet.

Neu auf der Liste ist das Kraftwerk in Nordenham (Nds.), geplant vom schweizerischen Konzern BKW Energie AG. Kaum wurden die Pläne bekannt, hat sich die BI Blexen gegründet.

BKW will auch in Dörpen (Nds.) ein Kraftwerk bauen. Bei den Landtagswahlen musste der Direktkandidat der CDU in der Samtgemeinde Dörpen 24 Prozentpunkte Verlust hinnehmen, vermeldet die Bürgerinitiative Dörpen. Die BI hatte zur „Protestwahl“ aufgerufen und mehr als 10.000 Unterschriften gesammelt.
Gewählt wurde auch in Hessen. SPD und Grüne wollten den Neubau Großkrotzenburg (Staudinger 6) verhindern, die CDU steht dagegen zur Kohlekraft.

In Krefeld-Uerdingen (NRW) ist wieder Bewegung in die Diskussion gekommen. Nachdem es schon so aussah, als sei der Kraftwerksneubau vom Stadtrat gestoppt worden, hat sich jetzt der Oberbürgermeister (CDU) gegen seine eigene Partei gestellt.


eBay und Sushi

27. Januar 2008

Sushi

Bring your own mercury test kit to the sushi bar
(nimm dein Quecksilber-Testkit mit in die Sushi-Bar),

empfiehlt Pierre Omidyar. Pierre wer? Der Mann, den „kaum einer kennt“ ist zwar „kein Star“ aber Dschungelkönig Gründer von eBay und Spiegel Online einen langen Artikel wert. Und er „machte sich Sorgen wegen des Quecksilbergehalts im New Yorker Sushi.“ Zumindest verlinkt er in seinem Twitter-Blog mit dem oben zitierten Kommentar auf einen Artikel der New York Times, demzufolge der Quecksilbergehalt in Sushi gesundheitsbedenkliche Werte annimmt.

Sag ich ja auch immer. Bei jeder vierten Thunfisch-Probe waren die Werte so hoch, dass die Behörden hätten eingreifen können. Aber: keine Behörde kontrolliert hier regelmäßig. Die NYT rät zur Vorsicht. „Niemand sollte häufiger als höchstens alle drei Wochen so etwas essen“ kommentiert ein Umwelt-Professor die Funde. Panikmache? Nein. Ganz offiziell warnen die Behörden (auch in der EU und in Deutschland!) vor allem Frauen und Kinder davor bestimmte Arten Fisch zu essen. Und in den Sushi-Bars in Berlin, Hamburg, München stammt der Fisch aus den selben Meeren wie in den Bars in New York. Quecksilber ist ein globales Problem und Fisch ist (neben Amalgam) die Hauptbelastungsquelle.

Bild: pixelio.de


Herfa-Neurode

26. Januar 2008

Aus dem Bergwerk Herfa-Neurode in Nordhessen werden täglich 70.000 Tonnen Kalisalz gefördert, die beispielsweise als Düngemittel oder Rohstoff zur Chlorproduktion von Degussa und BASF verwendet werden. 600 Meter unter der Erde wurden so in den vergangenen 115 Jahren hunderte Kilometer Wege gebohrt. Auf dem Satellitenbild sieht man die riesige Abraumhalde Monte Kali.

Herfa-Neurode ist aber auch die größte unterirdische Mülldeponie der Welt. Schon 1981 berichtete der Spiegel über die „wichtigste Deponie für Giftmüll aus aller Welt“, die damals erst neun Jahre in Betrieb war. Heute lagern auf 18 Quadratkilometern zwei Millionen Tonnen „vom übelsten Dreck dieser Welt“ (Welt), darunter 220.000 Tonnen quecksilberhaltige Abfälle (meist kontaminierte Böden) und genügend Arsen um die ganze Menschheit umzubringen. Kein schöner Gedanke, auch wenn es 800 Meter unter der Erde liegt. Es ist „die Kehrseite der Konsumgesellschaft“, meint die Süddeutsche Zeitung.

Auch hier unten gibt es Mülltrennung, damit die Stoffe keinesfalls miteinander reagieren. Flüssiger und radioaktiver Abfall darf nicht eingelagert werden. Gefüllte Hallen werden zugemauert, aber von jeder Ladung sind Proben archiviert. Die Betreiber sind gründlich. Denn manchmal wird auch etwas wieder hervorgeholt wird, wenn der technische Fortschritt es wertvoll macht. So lässt sich dreifach Geld verdienen: mit Kalisalz, mit dem Einbringen von Sondermüll und mit dem bergen. Die Lagerung ist kostenlos – für Jahrtausende (Welt 24.7.07, SZ 20.10.06, Spiegel 27.4.81).

Die Packbehältnisse werden nur einige Jahrzehnte halten. Im Laufe der Jahrhunderte wird sich der Berg den Raum zurückholen, der ihm genommen wurde. Der Giftmüll ist dann komplett von Salz umschlossen. Geowissenschaftler gehen davon aus, dass 10.000 Jahre lang alles sicher eingeschlossen ist, ungefährlich für alles, was auf der Erdoberfläche lebt. Was nach 10.000 Jahren passiert, kann heute niemand vorhersehen.

Hier oder in einer anderen Salzmine könnten sie also enden, meine Millionen Quecksilber-Thermometer. Ganz wohl ist mir dabei nicht. Aber Quecksilber verschwindet auch nicht einfach aus der Welt, wenn man es nicht mehr haben will. Ich werde mich mit meinen Anti-Quecksilber-Kollegen beraten, was sie davon halten.


„Nicht immer rumeiern“

24. Januar 2008

Der von mir schon hochgelobte Hermann Scheer wird heute in der taz porträtiert.

Bei vielen, die sich mit der Lösung des Klima- und Energieproblems befassen, kommt er gleich nach dem inoffiziellen Weltklimapräsidenten Al Gore. Oder weit vor ihm. Und nun will er bei entsprechendem Ausgang der hessischen Landtagswahl am Sonntag Superminister für Wirtschaft und Umwelt werden. […]

Er ist 63, er hatte nie ein staatliches Amt inne. Aber wenn die Sache in Hessen wunschgemäß ausgeht, dann will er dort nicht nur die Atomkraftwerke Biblis I und II tatsächlich bis 2013 abschalten, sondern auch die Wende zu den erneuerbaren Energien schaffen. In seinem Programm kann man nachlesen, wie viele Windkrafträder, Blockheizkraftwerke oder Solaranlagen in einzelnen Kreisen und Städten gebaut werden müssen. Ob die Zahlen hinhauen, weiß man immer erst hinterher. Sicher ist, dass zum ersten Mal ein Politiker diese Wende so detailliert darstellt, dass jeder Laie sofort versteht, was der Unterschied zur CDU ist: Kreise, Kommunen und Bürger übernehmen auf der Grundlage einer neuen Landesgesetzgebung die Stromproduktion und damit die Macht – und die Rendite – von den vier großen Stromkonzernen RWE, Eon, EnBW und Vattenfall. Der umstrittene Neubau eines klimaschädlichen Kohlekraftwerks bei Hanau durch Eon wird dann nicht mehr benötigt.


Wohin mit dem Quecksilber?

24. Januar 2008

Ich habe etwas vor. Ich will Thermometer einsammeln. Fieberthermometer, die Quecksilber enthalten. Wenn es gut läuft (wie, das verrate ich noch nicht), stehe ich am Ende mit einigen Tonnen von dem giftigen Schwermetall da. Und dann? Wohin mit dem Zeug? Ich habe schon rausgefunden, dass Sondermüll aus Österreich, Frankreich und Singapur, wahrscheinlich auch aus Italien, den Niederlanden und vielen weiteren Ländern nach Deutschland gebracht wird.

Wieviel Müll wird importiert?
18 Millionen Tonnen Abfall insgesamt (inkl. Stahlschrott), davon 5,6 Mt genehmigungspflichtig und davon wiederum 2,3 Mt „gefährlicher Müll“ nach Definition des Basler Übereinkommens (unter anderem Quecksilber und andere Schwermetalle, Altöl, bestimmte Chemikalien …). Von diesen 2,3 Mt gefährlichen Mülls aus dem Ausland werden 300.000 im Jahr unterirdisch eingelagert (SZ, 22.1.).

Woher kommt der Müll?
Aus Italien wurden 2007 insgesamt eine Million Tonnen Abfall importiert (Welt 23.1.). Hauptlieferanten des genehmigungspflichtigen Mülls sind die Niederlande, Italien und Irland. 300.000 Tonnen wurden 2006 aus nicht-europäischen Staaten geliefert (SZ, 22.1.).

Müll in Neapel Bild: roger taylor 85 auf flickr.com, CC BY-NC-SA 2.0

Wo landet der Müll?
Von den 5,6 Millionen Tonnen genehmigungspflichtigen Mülls kamen 2 Millionen Tonnen nach Nordrhein-Westfalen, 653.000 Tonnen nach Niedersachsen, 462.000 Tonnen nach Baden-Württemberg und 444.000 nach Sachsen. Insgesamt gebe es „mindestens 2000“ Genehmigungen zur Müllablagerung (SZ, 22.1.).

Im Jahr werden 300.000 Tonnen Müll in ehemaligen Stollen zur Stabilisierung oder in Salzgestein unterirdisch eingelagert. Einige Standorte: die Kali-Grube Herfa-Neurode in Hessen, die Deponien in Bad Friedrichshall und Heilbronn in Baden-Württemberg, die Untertagedeponie Zielitz in Sachsen-Anhalt oder das ehemalige Salzbergwerk Sondershausen in Thüringen (SZ, 22.1.).

Was ist das Bergwerk Herfa-Neurode?
Das steht im nächsten Beitrag …


„Neue Energie für Hessen“

22. Januar 2008

In Hessen ist die SPD in die Defensive geraten. Ein Gehaltsempfänger von RWE, der früher irgendwann auch mal irgendwas bei der SPD zu sagen hatte, warnt vor eben dieser Partei. Die „industrielle Substanz“ des ganzen Landes sei gefährdet, meinte Wolfgang Clement. Nun wird auf ihn eingedroschen, weil er „seiner“ Partei so in den Rücken fällt. Aber der falsche Eindruck, den RWE-Clement gesetzt hat, bleibt leider bestehen. Schade, denn Frau Ypsilanti und ihr designierter Umweltminister Hermann Scheer haben ein hervorragendes Energiekonzept für Hessen erstellt. Herr Scheer ist einer der profiliertesten Energie-Politiker der Welt. Er hat zahlreiche internationale Auszeichnungen bekommen und das Erneuerbare-Energien-Gesetz mitentwickelt – ein Polit-Exportschlager, der von vielen Staaten übernommen wurde. Warum also nicht in die Offensive gehen?

Der rüpelige Roland kämpfen gegen Fortschritt und Windräder. Energiegewinnung muss Luft und Klima verschmutzen und Atommüll hinterlassen, meinen Koch und Clement. Durch eine verfehlte Raumordnungspolitik dümpelt Hessen bei den erneuerbaren Energien ganz weit hinten auf der Liste der Bundesländer. Die grünen Roten wollen dagegen zukunftsträchtige Energien fördern. Die „Grundlinien eines Landesenergieprogramms für Hessen“ (pdf) sind auf 44 Seiten detailliert (aber etwas langatmig) dargestellt. Einige Eckpunkte und Ideen:

  • Atomkraftwerke Biblis A und B wie geplant bis 2008 bzw. 2012 abschalten
  • keine neue fossile Groß-Kraftwerke auf Kohle oder Gasbasis (wie das geplante Kohlekraftwerk Staudinger)
  • Vorrang für Erneuerbaren Energien bei der Raumordnungspolitik
  • kombinierte Strom- und Wärmeversorgung (Kraft-Wärm-Kopplung)
  • Stärkung der Landwirtschaft durch mehr Bioenergie
  • Ersatz von älteren Windrädern durch leistungsfähigere Anlagen
  • Forschung und Bildung für Erneuerbare Energien
  • regionale Wirtschaftsförderung für Erneuerbare Energien
  • „Solarkredite“ für Bürger
  • Solaranlagen auf Lärmschutzwänden installieren
  • statt Kraftwerken für Grund-, Mittel- und Spitzenlast soll es in Zukunft ein „integriertes Netzmanagement“ geben, das Pumpspeicher- und Druckluftkraftwerke einbezieht
  • Vorbild für andere Bundesländer

Zudem greift das Programm auch die Energieriesen an. Die vier AKW-Betreiber (RWE, E.On, Vattenfall, EnBW) kontrollieren „80% der Stromproduktion und 100 % des Übertragungsnetzes“. Sie sind die Verursacher der Preissteigerungen im Strombereich. Scheer und Ypsilanti wollen durch eine neue Energiepolitik die Stromproduktion in mehr Hände legen, als sie jetzt sind. Mit marktwirtschaftlichen Mitteln soll so das Stromkartell entmachtet werden.

(Wer nicht in Hessen wohnt kann trotzdem wählen: www.atomausstieg-selber-machen.de)