Radautz 1947

Blog-Einträge über zerbrochene Thermometer sind mir selten eine Meldung wert. Etwas anderes ist es, wenn das Thermometer schon vor 50 Jahren ausgelaufen ist und es sich um persönliche Berichte aus der Nachkriegszeit handelt. Das Radautz-Blog enthält Briefe einer jüdischen Familie in den späten 1940er Jahren in Rumänien. Der Sohn und die Schwiegertochter sind in Bukarest und finanziell offenbar ausreichend versorgt. Vater und Mutter sind in Radautz und bitten fortwährend um Unterstützung. Am 20. Juni 1947 schrieb Vater Elias Hauster an seinen Sohn Julius und dessen Frau:

Lieber Jul! Liebe Kinder!
Eure Liebesgabe (2 Mill.) dankend erhalten. Mutter ist sehr mühsam dazu zu bringen, sich in erster Linie etwas aufzufüttern, mit Eiern, Käse, Schmetten [Anm.: ostmitteld. „Sahne“] (Zucker nicht da, 500000 Lei/kg). Deswegen schaut sie elend aus, ich wende alles an, sie zum Auffüttern zu überreden. Zur Abwechslung liege ich seit 1-2 Tagen an Grippe, vermutlich wegen des andauernd feuchten Wetters, es regnet täglich. […] Wenn du weißt, daß ein guter Bekannter nach Rad[autz]. fährt, dem man trauen kann, gib ihm gütigst ein gutes, deutsches Thermometer mit, womöglich in Blechfutteral, damit es ganz ankommt. Kosten hierorts: 1/2 Million.

Erst im August erreichte das Päckchen die Eltern. Die Mutter ist immer noch krank. Am 6. August 1947 schrieb der Vater:

Liebe Kinder!
Das Paket dankend erhalten, die Flasche Analcid [Anm.: Insektizid] war zerbrochen u. am Transporte ausgeronnen (Flüssigkeiten wären nur in Blechbüchsen zu versenden). […] Die Kost wird, wie bei allen Kostfrauen, immer magerer: heute erhielt ich das Rindfleisch bloß, ohne jede Beilage. Daß ichs nicht vergesse: auch das Thermometer ist zerbrochen angekommen, die Hg[Anm.: chem. „Quecksilber]-Kugel ist im Schutzglas abgebrochen. Mutter erholt sich zusehends.

Es sind hauptsächlich die Briefe der Eltern vorhanden. Sohn Julius reagiert auf die fortwährenden Bitten offenbar zerknirscht. Am 17. August 1947 antwortete der Vater:

Liebe Kinder, ibs. [Anm.: insbesondere] lieber Jul!
[…] Nun zu deinem rubrizierten [Anm.: schlagwortartigen] Schreiben, das von Mißverständnissen, Unrichtigkeiten u. sonstigen Un- strotzt. […]. Und da denke ich an den Spruch im Talmud: „Wer in einem Streite zuerst aufhört, der ist von besser Familie“, u. das bist ja du, zumal ich ja für den sozialen Aufstieg gesorgt habe. Es sei dir nun Gelegenheit geboten, das zu beweisen. Das Pulver hat binnen 2 Tagen so radikal gewirkt, daß nicht um eine Millionenprämie ein Insekt von der Gattung zu kriegen wäre. Doch wäre ich dafür, du verfolgest die Zeitungsnachrichten über den Zustand der Eisenbahnwagen. […] Auch die Thermometersendung per Postpaket ist sehr riskant, das gibt man am besten einem bekannten Reisenden mit. Der Mutter geht es besser, sie geht schon im Zimmer herum.

Die Briefe sind sehr spannend zu lesen. Der Blogautor ist der Enkel von Elias Hauster. Es geht um die Auswanderung nach Brasilien, um die Staatengründung Israels, Hungersnot und Inflation in Bulgarien, persönliche Schicksale und Weltgeschichte. Ich werde es mit Spannung verfolgen.

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