80 Jahre Altlasten

1927 hat die Chemische Fabrik Neuschloss nach 98 Jahren ihren Betrieb eingestellt. Hier wurde Soda hergestellt, Säuren, Kunstdünger und Chlor. 1928 wurden die Gebäude abgerissen, um Giftstoffe im Boden hat sich niemand gekümmert. Nach dem Krieg wurden auf dem Gelände neue Häuser errichtet, Anfang der 80er folgte eine zweite Bebauungsphase. 1989 gab es die ersten Hinweise, dass etwas nicht stimmen könnte. Blutuntersuchungen ergaben eine erhöhte Schadstoffbelastung, eine erst zwei Jahre alte Freizeitanlage wird geschlossen. Die Bürger fangen an, kritische Fragen zu stellen. Schließlich konnte die Stadt Lampertheim (in Südhessen) die Gefahr nicht länger ignorieren und ergriff in den 1990ern erste Vorsorgemaßnahmen, die der Projektbeirat Altlasten Neuschloss (PAN) beschreibt:

„Das Gelände [der Freizeitanlage „Sodabuckel“] wird eingezäunt. Schließlich muss die Stadt einräumen, dass große Teile von Neuschloß flächendeckend betroffen sind. Auf den bewohnten Grundstücken wird, um Staubverwehungen zu vermeiden, sämtliche freiliegende Erde mit Rasen oder Rindenmulch abgedeckt. Die Behörden raten den Bürgern, keine Kleinkinder im Garten spielen zu lassen, nicht selbst angebautes Obst und Gemüse zu essen und Gartenabfälle getrennt zu sammeln. 1996 folgt ein Brunnennutzungsverbot wegen der Belastung des Grundwassers. Die Stadt muss auch den Ausweichspielplatz verlegen wegen erhöhter Dioxinwerte im Oberboden.“

Ein Rechtsnachfolger der Chemischen Fabrik Neuschloss, der für die Sanierungskosten aufkommen könnte, wurde bis heute nicht ermittelt. Die Arbeiten werden voraussichtlich 65 Millionen Euro kosten, die das Land Hessen und die Stadt Lampertheim tragen. Die Sanierungsarbeiten begannen im Jahr 2002 mit der Reinigung des Grundwassers. Im nächsten Jahr startete die Bodensanierung, die 2010 vollendet sein soll.

„Inzwischen ist klar, dass der Grund flächendeckend, oberflächennah und teilweise in große Tiefen reichend verunreinigt ist mit Arsen, Blei, Kupfer, Thallium, Quecksilber, Zink, Zinn sowie mit polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK), mineralölbürtigen Kohlenwasserstoffen sowie mit Dioxinen und Furanen (PCDD/F). In der Wohnsiedlung müssen mehr als 200.000 Tonnen vergifteter Boden ausgetauscht werden.“

Bisher wurden 45 Tonnen Arsen, 155 Tonnen Blei und 230 Tonnen andere Schwermetalle aus dem Boden entfernt.

Wenn hier Chlor selber hergestellt wurde, dann möglicherweise mit dem Amalgamverfahren. Dieses Verfahren der Chlorherstellung stammt aus dem 19. Jahrhundert, wird aber noch immer angewandt, obwohl es umweltfreundlichere und sogar günstigere Möglichkeiten gibt. In Deutschland arbeiten heute noch acht Anlagen mit dem Quecksilber-Verfahren. Mehr Informationen dazu stehen auf der Übersichtsseite Chlor.

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