50 Jahre Minamata-Krankheit

Wann gedenkt man einer Katastrophe? Manchmal ist das sehr einfach: am 26. April ist Tschernobyl-Tag, am 3. Dezember jährt sich das Bhopalunglück, am 10. Juli war der Unfall von Seveso. Nach einer Weile werden dann nur noch die 10-jährigen Jubiläen von Umweltkatastrophen in der Presse erwähnt (1986, 1984, 1976).

Manche Ereignisse passieren ab nicht an einem Tag, sondern dauern länger an: das Sinken des Öltankers Prestige im November 2002 oder die Entdeckung des Ozonlochs in den 80ern (20 Jahre Montreal-Protokoll). Auch eine der schlimmsten Katastrophe mit Quecksilber zog sich über Jahre und Jahrzehnte hin. Nahe der japanischen Stadt Minamata leitete die Chemiefabrik Chisso Corporation seit 1932 Quecksilber ins Meer ein. 1956 kamen die ersten Menschen mit unerklärlichen Symptomen ins Krankenhaus. Am 1. Mai wurde die Öffentlichkeit über die „Minamata-Krankheit“ informiert, einer Störungen des zentralen Nervensystems, die sich wie eine Epedemie verbreitete. Erst im November wurde als wahrscheinliche Ursache eine Vergiftung mit Schwermetall angenommen. Dies ist auch der Grund, warum so häufig ganze Familien betroffen waren. Der Fisch in der Minamata-Bucht war vergiftet, wer viel davon gegessen hat, reicherte Methylquecksilber im Körper an. Die Symptome sind zunächst nur Müdigkeit, Kopf- und Gliederschmerzen, später Bewegungsstörungen, Lähmungen und Psychosen, in schweren Fällen Koma und Tod. Erst 1958 war sicher, dass es sich bei allen Betroffenen um Quecksilbervergiftung handelt. 1959 wurde als Ursache die Chemiefabrik ausgemacht. Chisso bezahlte umgerechnet einige hunderttausend US-$ „Mitleids-Geld“ an Fischerleute – und leitete von nun an bis 1968 die giftigen Abwässer in andere Gewässer ab. In zehn „stillen Jahren“ wurde auch von den Fischern kein Druck gemacht, weil sie fürchteten ihre Ware nicht mehr verkaufen zu können. Und die Regierung wollte das Wirtschaftswachstum nicht gefährden. So gab es erst 1969 ein Gerichtsverfahren gegen Chisso, als die Krankheit von der Regierung schon für „beendet“ erklärt worden war. 1973 musste Chisso eine Gesamtstrafe von 3,4 Millionen US-$ zahlen, der bis dahin höchste je gezahlte Betrag in Japan. Die Weltöffentlichkeit erfuhr 1972 durch die Bilder des Fotografen W. Eugene Smith von der Katastrophe, der den Bildband „a warning to the world …. Minamata“ veröffentlichte. 1997 wurde die Fischerei in der Minamatabucht wieder erlaubt. 2004 stellte der oberste Gerichtshof eine Mitschuld der Regierung fest.

Journalistisch ist es schwer, in dieser immer noch nicht vollständig bewältigten Katastrophe einen Punkt zu finden, der einen offiziellen Anfang oder Ende beschreibt. Es ist die schlimmste Katastrophe in Japan, mit 2000 Toten, 30.000 Betroffenen und Schäden auch bei den Nachkommen der Opfer. Die Bürger von Minamata haben am 1. Mai 2006 den fünfzigsten Jahrestag begangen. Die Nachrichtenagentur AP hat offenbar heute einen Artikel verfasst, der unter anderem in der Welt Online gedruckt und reich bebildert ist. Den Artikel in der englischsprachigen Wikipedia kann ich auch sehr empfehlen, dort sind viele Bilder von W. E. Smith (mit Copyright).

Eine Antwort zu 50 Jahre Minamata-Krankheit

  1. […] amerikanisch Forscherin Karen Wetterhahn, einige tausend Japaner, Syphiliskranke bis Anfang des 20. Jahrhunderts, spanische Bergarbeiter, viele Goldsucher in […]

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