Exportverbot, schallalalala

21. Mai 2008

Heute hat das Europaparlament entschieden: ab dem 15. März 2011 darf kein Quecksilber mehr aus der EU ausgeführt werden! Meine Brüssler Kollegin Elena Lymberidi-Settimo ist begeistert:

“Reason reigned at the end, narrowly overturning the threat of a deal-breaker.”

In den letzten Tagen habe ich mit einigen deutschen EU-Parlamentariern telefoniert und Mails verschickt, um sie vom Kompromiss zu überzeugen. Schließlich kommt aus der EU ein Drittel des Angebots auf dem Weltmarkt. Da zudem in den USA schon ab 2010 ein Exportverbot gilt, ist ein Nachziehen der EU dringend erforderlich.

Es gab einige Änderungsanträge, die teilweise sogar strenger waren als das jetzige Ergebnis. Aber wenn sie angenommen worden wären, hätten die Umweltminister das ganze Paket blockiert – ein Ergebnis das niemandem geholfen hätte. Hier eine Übersicht der Positionen des Europa-Parlaments, des Umweltminister-Rats und dem jetzt gefundenen Kompromiss:

Termin für Exportverbot
Parlament: 1.12.2010
Minister: 1.6.2011
Kompromiss: 15.3.2011

Stoffe
Parlament: metallisches Quecksilber und alle Verbundstoffe
Minister: nur metallisches Quecksilber
Kompromiss: metallisches Hg, Kalomel, Zinnober, Quecksilberoxid und alle Verbundstoffe mit mehr als 95% Hg-Anteil

Importverbot von Quecksilber
Parlament: dafür
Minister: dagegen
Kompromiss: wird erst 2013 entschieden

Produkte, die Quecksilber enthalten und in der EU verboten sind (z.B. Thermometer)
Parlament: Exportverbot für solche Produkte
Minister: gegen ein Exportverbot
Kompromiss: wird erst 2013 entschieden

Endlagerung
Parlament: unterirdische Lagerung nur zulassen, wenn rückholbar
Minister: unterirdische Endlagerung generell zulassen
Kompromiss: unterirdische Lagerung zulässig, aber der technischer Fortschritt bei der Stabilisierung von flüssigem Quecksilber muss beachtet werden


Schnee zu Ostern

26. März 2008

“Schnee zu Ostern” war nicht nur verwirrende Realität der letzten Tage, sondern ist auch ein Titel eines 80er-Jahre Politsongs. Cochise haben es nie zu großem kommerziellen Erfolg geschafft – oder anders herum – sie haben es geschafft, sich nicht kommerziell ausnutzen zu lassen, währen Lieder von Ton Steine Scherben oder Rio Reiser noch heute als Werbemelodien gedudelt werden. Viele Texte von Cochise handeln von ökologischen Themen, so auch “Schnee zu Ostern” vom 1984er Album “Die Erde war nicht immer so”. Ein Video oder mp3 habe ich leider nicht gefunden, nur den Text:

Der erste Tag dieser Reise
führte mich in die Vergangenheit
mit Bildern und Schildern
und toten Gesichtern
Zeichen der Vergessenheit
Der Sturm war kalt und der Regen nervte
ich warf einen letzten Blick
in die Runde einer längst vergangenen Zeit
Ich wußte, ich komm nie mehr zurück

Am zweiten Tag wars wies immer war
mit Dreck und Beton und Abgasen
Meine neue Heimat auf der Autobahn
kein Blick zurück und nur rasen
Die unendliche Schnur durch ein sterbendes Land
das emsig sein eigenes Grab aushebt
Über tote Flüsse und durch tote Wälder
wo der Modergeruch längst herweht

Schnee zu Ostern, Schnee zu Ostern
Panzer rollen durch ein Dorf
Kinder am Straßenrand winken
Häuser scheinen zu erzittern
Schnee zu Ostern, Schnee zu Ostern

Der dritte Tag führte ins Reservat
wo man glaubt, dass die Welt noch heil ist
wir schweben übers Wasser und leben den Traum
der Idylle, die längst nicht mehr da ist
Bussarde kreisen zwischen Bäumen und Himmel
ein Reiher steht einsam und wartet
wir atmen leicht im Rhythmus der Zeit
eine Ewigkeit, bis er dann startet.

Am vierten Tag
zur Startbahnmauer aus Beton
mit Steinen der Ohnmacht in den Händen
Ein verwüsteter Wald, ein zerrissenes Land,
mit Steckbrief und Parolen an den Wänden
Die Sonne schien heiß
und die Augen verbrannten
die Luft viel zu schwer von dem Giftgas
ein ätzender Nebel auf unserm Rückweg
weit weg fielen wir müde ins Gras

Schnee zu Ostern, Schnee zu Ostern
Wasserwerfer hinter der Mauer
Kinder heulen vom Tränengas
Bäume scheinen zu erzittern
Schnee zu Ostern, Schnee zu Ostern

Bei Youtube habe ich aber das Lied “Rauchzeichen” gefunden, einen anderen 80er Öko-Hit von Cochise. Ich weiß, modern ist was anderes, das haut heute wahrscheinlich nur noch wenige Leute vom Hocker. Es ist halt ein Zeitdokument, bittesehr:


Großbrand bei INEOS in Köln

18. März 2008

Gestern herrschte der Ausnahmezustand in Köln. 1200 Feuerwehrleute waren beteiligt, um den Großbrand im Ineos-Chemiewerk in Köln-Worringen zu löschen. Die WAZ berichtet vom “größte Brandeinsatz seit dem Zweiten Weltkrieg“. Außer drei Personen, die wegen Hautreizungen ärztlich behandelt wurden, habe es keine Verletzten gegeben. Vorsorglich sollen in der Region Türen und Fenster weiterhin geschlossen bleiben, die Anwohner sich möglichst wenig im Freien aufhalten. Während des Brands wurden mehrere Wohngebäude evakuiert. Die Autobahn und der S-Bahn-Verkehr wurden kurzfristig gesperrt. Ursprünglich wurde gemeldet, dass der Brand im BAYER-Werk im angrenzenden Dormagen ausgebrochen sei.

Ursache des Brandes war eine undichte Ethylen-Pipeline. Die Stichflamme hat einen 3000-Kubikmeter-Tank mit Acrylnitril entzündet, das zur Kunststoffherstellung verwendet wird. Die Boulevardzeitung Express erinnert daran, dass es schon vorher eine Explosion gegeben haben soll: “Es knallte schon letzten Monat“. 


RoHS-Überarbeitung: Wie schädlich ist Quecksilber?

25. Februar 2008

RoHS heißt eine EU-Richtlinie zur Beschränkung der Verwendung bestimmter gefährlicher Stoffe in Elektro- und Elektronikgeräten. Seit 2002 dürfen Blei, Cadmium, Quecksilber, sechswertiges Chrom und bromierte Flammschutzmittel in den meisten Elektrogeräten nur noch sehr eingeschränkt verwendet werden (für Bastler: das ist der Grund, warum es nur noch bleifreien Lötzinn gibt). Nun steht eine Überarbeitung an. Industrieverbände wollen RoHS am liebsten ganz abschaffen, Umwelt- und Gesundheitsverbände ausweiten (gemeinsame Position verschiedener Verbände, PDF).

Die EU-Kommission hat ein Gutachten erstellen lassen, dass die  Gefährlichkeit der bisher reglementierten Stoffe (PDF, 189 S.) beurteilt.  Dabei wurden verschiedene Kriterien berücksichtigt, etwa die Wirkung in bestimmten Umweltmedien (Wasser, Boden, Luft), über verschiedene Zeiträume und Reichweiten, auf Menschen und Natur. Ich erspare mir lange Tabellen, ein Ergebnis ist jedenfalls (S. 67 f.):

with regard to the different hazardous substances, it seems that Hg [=Quecksilber] has always the highest ecotoxicity potential, both for all the different environmental compartments, as for the different types of ecotoxicity (fresh water, sediment and terrestrial);

hinsichtlich der verschiedenen Schadstoffe scheint Quecksilber in jedem Fall das höchste Umweltschädlichkeits-Potential zu haben. Dies gilt für alle verschiedenen Umweltmedien, wie auch für verschiedene Typen der Umweltschädlichkeit (Frischwasser, Bodenablagerungen, weltweit)

Betrachtet man nur die Wirkung auf den Menschen, ist Quecksilber wiederum in drei Kategorien am gefährlichsten: im Süßwasser, im Meer und auf industriell genutzten Böden. In der Luft ist dagegen sechswertiges Chrom sehr viel gefährlicher als alles andere. Und auf landwirtschaftlich genutzten Flächen ist Cadmium am schädlichsten für Menschen.


Shark Guardian Award für Quecksilbergegner

4. Februar 2008

Das SharkProjekt hat sich dem Schutz der Haie verschrieben. Jährlich verleihen sie die Titel Shark Enemy of the Year und Shark Guardian of the Year an die größten Hai-Feinde und Hai-Schützer des Jahres. Die Awards wurden in diesem Jahr auf der BOOT-Messe in Düsseldorf verliehen.

1. Shark Enemy of the Year 2008
Der Enemy-Award ging an Joan Clos, den spanischen Minister für Industrie, Tourismus und Handel. Er steht für den Zwiespalt des EU-Landes, das einerseits den Meerestourismus fördern möchte auf der anderen Seite zu den größten Haifängern der Welt gehört.

2. Shark Guardian of the Year 2008
Der Award bietet eine große Überraschung. Die beiden Kandidaten, Dirk Steffens und Achim Steiner von der UNEP haben bis auf wenige Stimmen ein identisches Ergebnis. Dies spiegelt so sehr auch die Arbeitsstrategie von SharkProject wieder, aufzuklären und die Themen Gesundheit und Ökologie zu forcieren, dass die Jury sich entschlossen hat, den Award zu teilen und beide Kandidaten als Shark Guardian des Jahres 2008 auszuzeichnen.

Dirk Steffens, Moderator, Filmer und Autor, hat durch seine Fernseh- und Film-Arbeit entscheidend zur positiven Veränderung des Hai-Images beigetragen. 

Achim Steiner hat als Generalsekretär der UNEP mit seiner Arbeit und der weltweiten Warnung der UNEP vor hochgiftigen organischen Quecksilber, das auch in Haifleisch enthalten ist, ein neues gewaltiges Argument für den Haischutz geschaffen. Dazu kommt der persönliche Einsatz des Generalsekretärs für den Schutz der Haie.


Herfa-Neurode

26. Januar 2008

Aus dem Bergwerk Herfa-Neurode in Nordhessen werden täglich 70.000 Tonnen Kalisalz gefördert, die beispielsweise als Düngemittel oder Rohstoff zur Chlorproduktion von Degussa und BASF verwendet werden. 600 Meter unter der Erde wurden so in den vergangenen 115 Jahren hunderte Kilometer Wege gebohrt. Auf dem Satellitenbild sieht man die riesige Abraumhalde Monte Kali.

Herfa-Neurode ist aber auch die größte unterirdische Mülldeponie der Welt. Schon 1981 berichtete der Spiegel über die “wichtigste Deponie für Giftmüll aus aller Welt”, die damals erst neun Jahre in Betrieb war. Heute lagern auf 18 Quadratkilometern zwei Millionen Tonnen “vom übelsten Dreck dieser Welt” (Welt), darunter 220.000 Tonnen quecksilberhaltige Abfälle (meist kontaminierte Böden) und genügend Arsen um die ganze Menschheit umzubringen. Kein schöner Gedanke, auch wenn es 800 Meter unter der Erde liegt. Es ist “die Kehrseite der Konsumgesellschaft”, meint die Süddeutsche Zeitung.

Auch hier unten gibt es Mülltrennung, damit die Stoffe keinesfalls miteinander reagieren. Flüssiger und radioaktiver Abfall darf nicht eingelagert werden. Gefüllte Hallen werden zugemauert, aber von jeder Ladung sind Proben archiviert. Die Betreiber sind gründlich. Denn manchmal wird auch etwas wieder hervorgeholt wird, wenn der technische Fortschritt es wertvoll macht. So lässt sich dreifach Geld verdienen: mit Kalisalz, mit dem Einbringen von Sondermüll und mit dem bergen. Die Lagerung ist kostenlos – für Jahrtausende (Welt 24.7.07, SZ 20.10.06, Spiegel 27.4.81).

Die Packbehältnisse werden nur einige Jahrzehnte halten. Im Laufe der Jahrhunderte wird sich der Berg den Raum zurückholen, der ihm genommen wurde. Der Giftmüll ist dann komplett von Salz umschlossen. Geowissenschaftler gehen davon aus, dass 10.000 Jahre lang alles sicher eingeschlossen ist, ungefährlich für alles, was auf der Erdoberfläche lebt. Was nach 10.000 Jahren passiert, kann heute niemand vorhersehen.

Hier oder in einer anderen Salzmine könnten sie also enden, meine Millionen Quecksilber-Thermometer. Ganz wohl ist mir dabei nicht. Aber Quecksilber verschwindet auch nicht einfach aus der Welt, wenn man es nicht mehr haben will. Ich werde mich mit meinen Anti-Quecksilber-Kollegen beraten, was sie davon halten.


Wohin mit dem Quecksilber?

24. Januar 2008

Ich habe etwas vor. Ich will Thermometer einsammeln. Fieberthermometer, die Quecksilber enthalten. Wenn es gut läuft (wie, das verrate ich noch nicht), stehe ich am Ende mit einigen Tonnen von dem giftigen Schwermetall da. Und dann? Wohin mit dem Zeug? Ich habe schon rausgefunden, dass Sondermüll aus Österreich, Frankreich und Singapur, wahrscheinlich auch aus Italien, den Niederlanden und vielen weiteren Ländern nach Deutschland gebracht wird.

Wieviel Müll wird importiert?
18 Millionen Tonnen Abfall insgesamt (inkl. Stahlschrott), davon 5,6 Mt genehmigungspflichtig und davon wiederum 2,3 Mt “gefährlicher Müll” nach Definition des Basler Übereinkommens (unter anderem Quecksilber und andere Schwermetalle, Altöl, bestimmte Chemikalien …). Von diesen 2,3 Mt gefährlichen Mülls aus dem Ausland werden 300.000 im Jahr unterirdisch eingelagert (SZ, 22.1.).

Woher kommt der Müll?
Aus Italien wurden 2007 insgesamt eine Million Tonnen Abfall importiert (Welt 23.1.). Hauptlieferanten des genehmigungspflichtigen Mülls sind die Niederlande, Italien und Irland. 300.000 Tonnen wurden 2006 aus nicht-europäischen Staaten geliefert (SZ, 22.1.).

Müll in Neapel Bild: roger taylor 85 auf flickr.com, CC BY-NC-SA 2.0

Wo landet der Müll?
Von den 5,6 Millionen Tonnen genehmigungspflichtigen Mülls kamen 2 Millionen Tonnen nach Nordrhein-Westfalen, 653.000 Tonnen nach Niedersachsen, 462.000 Tonnen nach Baden-Württemberg und 444.000 nach Sachsen. Insgesamt gebe es “mindestens 2000″ Genehmigungen zur Müllablagerung (SZ, 22.1.).

Im Jahr werden 300.000 Tonnen Müll in ehemaligen Stollen zur Stabilisierung oder in Salzgestein unterirdisch eingelagert. Einige Standorte: die Kali-Grube Herfa-Neurode in Hessen, die Deponien in Bad Friedrichshall und Heilbronn in Baden-Württemberg, die Untertagedeponie Zielitz in Sachsen-Anhalt oder das ehemalige Salzbergwerk Sondershausen in Thüringen (SZ, 22.1.).

Was ist das Bergwerk Herfa-Neurode?
Das steht im nächsten Beitrag …


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