… am nächsten Samstag (5. September) zur grooooßen Anti-Atom-Demo. Aus über 100 Städten in ganz Deutschland kommen Busse und Sonderzüge. Aus dem Wendland (Gorleben) ist schon am letzten Samstag ein Treck von Traktoren und Fahrrädern gestartet. Greenpeace und contrAtom bloggen täglich vom Treck, mit vielen Fotos.
Wie versprochen, hier die Texte des Quecksilber-Themenheftes. Es fängt an mit einem Hintergrundartikel, den ich selber verfasst habe.
Globales Problem – globale Lösung? Menschliche Aktivitäten haben den weltweiten Quecksilberpool bereits verdreifacht
Quecksilber gelangt in die entlegensten Winkel der Welt, auch dorthin, wo das Gift nie freigesetzt wurde. Siebzig Prozent der durch Menschen verursachten Quecksilberemissionen stammen aus der Kohleverbrennung. Die Vereinten Nationen und die Europäische Union fangen erst an, das Problem zu begreifen und zu bekämpfen berichtet FLORIAN NOTO vom DEUTSCHEN NATURSCHUTZRING (DNR).
Über Amalgam als Zahnfüllung wird seit fast 200 Jahren leidenschaftlichen gestritten. „Am 4. April schien es für kurze Zeit so, als könnte ein Schlussstrich gezogen werden im Streit um die Gefahr von Amalgam“, schreibt der Stern in einem kürzlich veröffentlichten Artikel über den heißen Tanz um den hohlen Zahn. An diesem Tag wurde eine Großstudie veröffentlicht, die die Unbedenklichkeit von Quecksilber im Mund ein für alle Mal beweisen sollte. Dies wäre zumindest ein Beleg dafür, dass gesunder Menschenverstand und Wissenschaft nicht unbedingt zusammenpassen. Denn erstens sind Quecksilberdämpfe unbestritten hochgiftig und zweitens treten aus Amalgamfüllungen permanent Quecksilberdämpfe aus. Eins und zwei zusammengezählt wundert sich nicht nur Lieschen Müller, dass ausgerechnet die Dämpfe in ihrem Mund ungefährlich, bzw. unterhalb der Wirkungsgrenze sein sollen.
Nun gut, die jüngste Amalgamstudie und der Stern Artikel ziehen zwar genau diese Schlussfolgerung, aber der Artikel bietet auch einen guten Überblick über die Streitpunkte und Argumente beider seiten. Nicht beachtet wird in der Diskussion leider, dass Quecksilber in der Umwelt schädlich ist. Spätestens im Krematorien und erst recht auf dem Friedhof vergiften etliche Kilogramm Quecksilber die Böden und Gewässer. Einige skandinavische Länder haben mit dieser Begründung die Verwendung von Amalgam eingeschränkt.
Es war im September letzten Jahres, als das Blacksmith Institute und Green Cross Schweiz eine Liste der zehn schmutzigsten Orte der Welt veröffentlicht hat. Darunter befinden sich einige Orte in denen Chlorfabriken reichlich Quecksilber abgeben, deswegen habe ich ausführlich berichtet. GMX und WEB.de (was ja bekanntlich fast das selbe ist) haben die Liste jetzt noch mal mit einigen Grusel-Bildern versehen und neben skurrilen Geschichten über Baummänner und siamesische Zwillinge auf die Startseite gestellt. Ich finde es nach wie vor lesenswert.
„HP hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2010 komplett auf den Einsatz von Quecksilber in seinem gesamten Notebook-Portfolio zu verzichten.“
Das ist doch mal ein gutes Ziel (via: Pressemitteilung von HP). Bei Philips dagegen stand gestern Greenpeace vor der Tür (bzw. hing an der Fassade) und forderte: „Stoppt Elektroschrott!“ Im „Guide to Greener Electronics“ von Greenpeace steht HP derzeit mit anderen an siebter Stelle, Philips an 17. Dahinter kommt nur noch weit abgeschlagen Nintendo. An der Spitze liegen zur Zeit Samsung und Toshiba.
Die acht deutschen Chlorwerke, die noch mit der veralteten Quecksilbertechnik arbeiten, gehören zu den größten Quellen des Schadstoffs in Deutschland. Sie geben etwa 100 bis 300 Kilogramm Quecksilber im Jahr an die Umwelt ab. Das ist viel, denn der Schadstoff wird weit verteilt und ist schon in sehr kleinen Mengen sehr schädlich. Wahrlich mit den Knie geschlottert habe ich aber, als ich über ein Chlorwerk in Pakistan gelesen habe. „Fabriken emittieren täglich Tonnen von Quecksilber“ lautet die Überschrift in der Daily Times aus Pakistan. Der Ingenieur eines Chlorwerks antwortet dem Journalisten, dass in seiner Fabrik täglich 50 Kilogramm Quecksilber eingesetzt werden. 50 Kilogramm – das wären 18 Tonnen im Jahr! Die Zahlen sind (hoffentlich) etwas übertrieben, aber das Problem ist unbestritten. Gewässer und Ackerland, Fische, Wasservögel und andere Tiere und natürlich Menschen sind vergiftet und gefährdet. Die pakistanische Umweltbehörde hat mit Hilfe der Vereinten Nationen zumindest Messgeräte angeschafft, um den Quecksilbergehalt in Luft und Wasser zu bestimmen. Ein Offizieller sagte:
“Mercury pollution is a very serious matter and should be dealt with on war footing.”
Die Zeitung erhebt schwere Vorwürfe gegen die Umweltbehörde. Der Behördenmitarbeiter meint, die teuren Geräte stehen verschlossen rum und würden nicht genutzt. Die Behörde habe auch den Auftrag, ein Fortbildungsprogramm für Fabrikbesitzer und Mitarbeiter zu entwickeln, nicht umgesetzt.
„It is absolutely vital that this highly toxic chemical be banned for export and that the supply of mercury currently in circulation be safely stored. Let us set the example for other countries to follow in reducing emissions of this dangerous substance.“
(Ein Exportverbot für dieses hochgiftige Schwermetall ist absolut unerlässlich. Quecksilber, das bereits im Umlauf ist, muss sicher gelagert werden. Lasst uns ein Vorbild für andere Länder sein und die Emissionen dieses Schadstoffs reduzieren.)
EU-Umweltkomissar Stavros Dimas zum Exportverbot für Quecksilber (von euractiv.com, mit gutem Bericht und Links)
Heute hat das Europaparlament entschieden: ab dem 15. März 2011 darf kein Quecksilber mehr aus der EU ausgeführt werden! Meine Brüssler Kollegin Elena Lymberidi-Settimo ist begeistert:
„Reason reigned at the end, narrowly overturning the threat of a deal-breaker.“
In den letzten Tagen habe ich mit einigen deutschen EU-Parlamentariern telefoniert und Mails verschickt, um sie vom Kompromiss zu überzeugen. Schließlich kommt aus der EU ein Drittel des Angebots auf dem Weltmarkt. Da zudem in den USA schon ab 2010 ein Exportverbot gilt, ist ein Nachziehen der EU dringend erforderlich.
Es gab einige Änderungsanträge, die teilweise sogar strenger waren als das jetzige Ergebnis. Aber wenn sie angenommen worden wären, hätten die Umweltminister das ganze Paket blockiert – ein Ergebnis das niemandem geholfen hätte. Hier eine Übersicht der Positionen des Europa-Parlaments, des Umweltminister-Rats und dem jetzt gefundenen Kompromiss:
Termin für Exportverbot
Parlament: 1.12.2010
Minister: 1.6.2011
Kompromiss: 15.3.2011
Stoffe
Parlament: metallisches Quecksilber und alle Verbundstoffe
Minister: nur metallisches Quecksilber
Kompromiss: metallisches Hg, Kalomel, Zinnober, Quecksilberoxid und alle Verbundstoffe mit mehr als 95% Hg-Anteil
Importverbot von Quecksilber Parlament: dafür
Minister: dagegen
Kompromiss: wird erst 2013 entschieden
Produkte, die Quecksilber enthalten und in der EU verboten sind (z.B. Thermometer)
Parlament: Exportverbot für solche Produkte
Minister: gegen ein Exportverbot
Kompromiss: wird erst 2013 entschieden
Endlagerung
Parlament: unterirdische Lagerung nur zulassen, wenn rückholbar
Minister: unterirdische Endlagerung generell zulassen
Kompromiss: unterirdische Lagerung zulässig, aber der technischer Fortschritt bei der Stabilisierung von flüssigem Quecksilber muss beachtet werden
„Schnee zu Ostern“ war nicht nur verwirrende Realität der letzten Tage, sondern ist auch ein Titel eines 80er-Jahre Politsongs. Cochise haben es nie zu großem kommerziellen Erfolg geschafft – oder anders herum – sie haben es geschafft, sich nicht kommerziell ausnutzen zu lassen, währen Lieder von Ton Steine Scherben oder Rio Reiser noch heute als Werbemelodien gedudelt werden. Viele Texte von Cochise handeln von ökologischen Themen, so auch „Schnee zu Ostern“ vom 1984er Album „Die Erde war nicht immer so“. Ein Video oder mp3 habe ich leider nicht gefunden, nur den Text:
Der erste Tag dieser Reise
führte mich in die Vergangenheit
mit Bildern und Schildern
und toten Gesichtern
Zeichen der Vergessenheit
Der Sturm war kalt und der Regen nervte
ich warf einen letzten Blick
in die Runde einer längst vergangenen Zeit
Ich wußte, ich komm nie mehr zurück
Am zweiten Tag wars wies immer war
mit Dreck und Beton und Abgasen
Meine neue Heimat auf der Autobahn
kein Blick zurück und nur rasen
Die unendliche Schnur durch ein sterbendes Land
das emsig sein eigenes Grab aushebt
Über tote Flüsse und durch tote Wälder
wo der Modergeruch längst herweht
Schnee zu Ostern, Schnee zu Ostern
Panzer rollen durch ein Dorf
Kinder am Straßenrand winken
Häuser scheinen zu erzittern
Schnee zu Ostern, Schnee zu Ostern
Der dritte Tag führte ins Reservat
wo man glaubt, dass die Welt noch heil ist
wir schweben übers Wasser und leben den Traum
der Idylle, die längst nicht mehr da ist
Bussarde kreisen zwischen Bäumen und Himmel
ein Reiher steht einsam und wartet
wir atmen leicht im Rhythmus der Zeit
eine Ewigkeit, bis er dann startet.
Am vierten Tag
zur Startbahnmauer aus Beton
mit Steinen der Ohnmacht in den Händen
Ein verwüsteter Wald, ein zerrissenes Land,
mit Steckbrief und Parolen an den Wänden
Die Sonne schien heiß
und die Augen verbrannten
die Luft viel zu schwer von dem Giftgas
ein ätzender Nebel auf unserm Rückweg
weit weg fielen wir müde ins Gras
Schnee zu Ostern, Schnee zu Ostern
Wasserwerfer hinter der Mauer
Kinder heulen vom Tränengas
Bäume scheinen zu erzittern
Schnee zu Ostern, Schnee zu Ostern
Bei Youtube habe ich aber das Lied „Rauchzeichen“ gefunden, einen anderen 80er Öko-Hit von Cochise. Ich weiß, modern ist was anderes, das haut heute wahrscheinlich nur noch wenige Leute vom Hocker. Es ist halt ein Zeitdokument, bittesehr:
Gestern herrschte der Ausnahmezustand in Köln. 1200 Feuerwehrleute waren beteiligt, um den Großbrand im Ineos-Chemiewerk in Köln-Worringen zu löschen. Die WAZ berichtet vom „größte Brandeinsatz seit dem Zweiten Weltkrieg„. Außer drei Personen, die wegen Hautreizungen ärztlich behandelt wurden, habe es keine Verletzten gegeben. Vorsorglich sollen in der Region Türen und Fenster weiterhin geschlossen bleiben, die Anwohner sich möglichst wenig im Freien aufhalten. Während des Brands wurden mehrere Wohngebäude evakuiert. Die Autobahn und der S-Bahn-Verkehr wurden kurzfristig gesperrt. Ursprünglich wurde gemeldet, dass der Brand im BAYER-Werk im angrenzenden Dormagen ausgebrochen sei.
Ursache des Brandes war eine undichte Ethylen-Pipeline. Die Stichflamme hat einen 3000-Kubikmeter-Tank mit Acrylnitril entzündet, das zur Kunststoffherstellung verwendet wird. Die Boulevardzeitung Express erinnert daran, dass es schon vorher eine Explosion gegeben haben soll: „Es knallte schon letzten Monat„.