Montreal-Protokoll Presseschau

20. September 2007

Mir gefällt das Montreal Protokoll so gut, dass ich gleich noch etwas darüber schreibe :)

Die Zeit erinnert an die bedeutenden politischen Maßnahmen, die das M-P enhält (etwa das Vorsorgeprinzip) und zieht einen Vergleich mit der aktuellen Klimadiskussion:

Auch die Rettung der Ozonschicht wurde gegen heftige Widerstände in Politik und Wirtschaft durchgesetzt. Unter den Skeptikern von damals finden sich etliche der Skeptiker von heute wieder, wie der umstrittene, inzwischen 83-jährige amerikanische Umweltforscher Fred Singer oder die Mitarbeiter des Cato Institute in Washington. Die Argumente sind bekannt: Nichts sei bewiesen, manch anderes Problem drängender und überhaupt alles eine internationale Verschwörung, um den armen Ländern den Zugang zu moderner Technik zu verweigern und sie so in Abhängigkeit zu halten.

Noch im Mai 1987, wenige Wochen vor der Unterzeichnung des Montreal-Abkommens, machte der Innenminister im Kabinett von US-Präsident Ronald Reagan, Donald Hodel, den Vorschlag, statt staatlicher Regulierung der Ozonkiller-Substanzen lieber ein alternatives Programm zum »persönlichen Schutz« aufzulegen. Es sollte größere Hüte, Sonnenbrillen und Sonnencreme propagieren.

Die Deutsche Welle blickt auf die heutige Situation. Noch immer wächst das Ozonloch. Der Trend wird sich vorausslichtlich erst 2025 umkehren, 2060 könnte das Loch geschlossen sein. Der Deutschlandfunk berichtet über eine Veranstaltung an der Uni Bremen zum „Klimawandel und die Folgen für die Ozonschicht“. In der taz steht ein Interview mit dem Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen. Ein Auszug:

Herr Crutzen, wie fühlt man sich als Retter der Welt?
Ich fühle mich gar nicht als Retter.
Wie sähe die Welt heute aus, wenn Sie und Ihre Kollegen das Ozonproblem damals nicht entdeckt hätten?
Wenn man das Problem nicht erkannt hätte, hätte das katastrophale Änderungen bewirkt. Auch auf der Nordhalbkugel gäbe es dann ein riesiges Ozonloch. [...] Die Intensität der UV-Strahlen wäre um 20 Prozent höher, die Hautkrebsrate um 30 Prozent.
Was lernt man daraus für die Gefahren, die von menschlichem Handeln ausgehen?
Überraschungen sind nie auszuschließen. Man denkt natürlich an unser aktuelles Klimaproblem. Das Ozonloch war eine ungeheure Überraschung, nicht vorhersagbar. Die Forscher haben dieses Problem einfach nicht gesehen. Wer schließt denn jetzt aus, dass es im Klimabereich nicht ähnliche Überraschungen geben wird: Instabilitäten, die man vorher nicht berücksichtigt. Es wird Sachen geben, an die wir jetzt noch gar nicht denken.


Keine Quecksilberthermometer in Indien

20. September 2007

Auch in Indien geht die Zeit der Quecksilber-Thermometer zu Ende. Wie die Zeitung „The Hindu“ berichtet, sollen die Krankenhäuser der Hauptstadt Delhi ein „quecksilberfreies Umfeld für Angestellte und Patienten“ bieten. Die Maßnahme soll innerhalb von sechs Monaten von allen privaten und öffentlichen Hospitälern umgesetzt werden und wird bisher gut angenommen.


Elektroschrott in Afrika

20. September 2007

Die „Eidgenossische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt“ (EMPA) aus der Schweiz und der Computerhersteller Hewlett-Packard wollen in fünf afrikanischen Ländern Konzepte für fachgerechte Entsorgung und Recycling von Elektroschrott entwickeln. „Die Empa-WissenschaftlerInnen sollen ein an die lokalen Verhältnisse angepasstes Konzept für das Management von Elektro- und Elektronikschrott entwickeln, das dazu beiträgt, die Gesundheit der am Recycling beteiligten Personen zu schützen – und zudem neue und sichere Arbeitsplätze im Recyclingprozess schafft“ berichtet das Recycling Magazin. Momentan wird Elektroschrott in Afrika (wenn überhaupt) unorganisiert und ohne Aufsicht beziehungsweise Vorschriften recycelt. Wertvolle Materialien wie Gold und Kupfer werden zwar zurück gewonnen, aber giftige Substanzen wie Quecksilber und Blei führen bei unsachgemässer Behandlung zu gesundheitlichen Schäden und Umweltbelastungen.

Unter ewasteguide.info informiert die EMPA über ihre Aktivitäten in der Schweiz und der Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern.


20 Jahre Montreal Protokoll

19. September 2007

1987, nur zwei Jahre nachdem das Ozonloch entdeckt wurde, wurde das Montreal-Protokoll zum Schutz der Ozonschicht beschlossen. Mein Völkerrechts-Professor hat davon geschwärmt: verbindliche Ziele, wirksame Umsetzungsmechanismen, Druck auf Nicht-Mitglieder, Unterstützung für Entwicklungsländer, Mehrheitsprinzip – alles was sich Umweltschützer wünschen. Noch heute ist das Montreal-Protokoll ein Meilenstein der Rechtsgeschichte. Wenn sich die Staaten noch einmal auf solche eindeutigen Maßnahmen einigen würden, etwa beim Ausstoß von Kohlendioxid, könnten wir den Klimawandel locker in den Griff kriegen!

Jedenfalls sind im Montreal-Protokoll verbindliche Ziele vorgeschrieben, Stoffe zu reduzieren die die Ozonschicht zerstören. Der prominenteste Stoff ist FCKW – Fluor-Chlor-Kohlen-Wasserstoff, ein Produkt der Chlorchemie. Und Chlor wird damals wie heute in Europa vielfach mit Quecksilber hergestellt. Leider. Anders als beim Ozonloch fehlt beim Quecksilber der akute Handlungsdruck, deswegen dauert der Kampf dagegen auch schon hundert Jahre.


:-) dank Quecksilber

19. September 2007

Die Berliner Zeitung schreibt heute über die Entwicklung des :-) vor 25 Jahren.

Im Jahr 1982 machten sich Informatikstudenten im Onlineforum der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh, Pennsylvania, über Physik-Experimente lustig. Einer schrieb über Experimente im Fahrstuhl. Ein anderer meinte daraufhin, ein Fahrstuhl im Gebäudetrakt sei sogar schon mit Quecksilber verseucht und habe bereits Brandflecken. Das war ein Witz. Doch manche Kommilitonen nahmen den Hinweis ernst. Es folgte eine tagelange Debatte über die richtige und falsche Anwendung von Humor im Uni-Netz. Herausgekommen ist schließlich ein Zeichen, bestehend aus Doppelpunkt, Strich und Klammer, das heute jeder als Grinsezeichen versteht. Das Smiley, oder auch :-)


Emissionen senken lohnt sich

18. September 2007

Forscher des amerikanischen Smithsonian Environmental Research Center haben untersucht, wie Quecksilber aus der Atmoshpäre in die Nahrungskette gelangt. Zunächst einmal haben sie fein dosiert über sechs Jahre etwa einen Teelöffel (!) Quecksilber an einem kanadischen See verteilt. Eine Art von Quecksilber-Isotopen in den See, eine andere in den angrenzenden Feuchtgebieten und eine dritte im höher liegenden Wald um den See.

Im Mittelpunkt der Forschung stand die Frage: Bringen Luftreinhaltemaßnahmen überhaupt etwas für die Gesundheit der Menschen die Fisch essen? Gehen dadurch die Quecksilberwerte im Fisch zurück? Die verschiedenen Isotope haben gezeigt, dass nur das Quecksilber welches direkt im See landet auch in die Nahrungskette gelangt. Das Quecksilber aus den Feuchtgebieten oder dem Wald, wurde dort nicht von Bakterien in Methylquecksilber umgewandelt.

Für die Praxis bedeutet das: je weniger Quecksilber mit Regen oder Abwasser aktuell in Gewässer gelangt, desto weniger hoch ist die Belastung der Fische dort. „Altes“ Quecksilber lagert sich irgendwann ab, so dass innerhalb einiger Jahre die Belastung von Fischen in einem See zurück geht. Für mich ein toller Ansport fleißig weiter zu arbeiten!

Der Standard und die Süddeutsche Zeitung haben mich heute mit zwei recht guten Artikel darauf aufmerksam gemacht.


OSPAR-Bericht zur Chlorindustrie erschienen

18. September 2007

Die OSPAR ist eine Internationale Organisation, die sich mit allem Dreck beschäftigt, der in der Nordsee und dem Nordatlantik landet. Quecksilber gehört seit langem dazu. 1990 wurde die Chlor-Alkali-Industrie aufgefordert alle Anlagen, die mit Quecksilber arbeiten, bis 2010 umzurüsten oder zu schließen. Es sieht nicht danach aus als würde diese Forderung erfüllt. Noch immer wird die Hälfte des Chlors in Europa mit Quecksilbertechnik hergestellt. Der Industrieverband EuroChlor hat zugesagt, dass die komplette Umstellung bis 2020 erfolgt.

Der aktuelle Fortschrittsbericht mit Zahlen von 2005 ist grade erschienen. Einige Fakten aus Deutschland:

  • Bayer in Krefeld-Uerdingen hat seine Produktionskapazität mit Quecksilber noch einmal kräftig ausgebaut, von 110 Kilotonnen auf 130 kt. Bayer behauptet, dass sie inzwischen (2007) nicht mehr mit Quecksilber arbeiten würden. Wer’s glaubt …
  • Degussa in Niederkassel-Lülsdorf emittiert nicht mehr 151 kg Quecksilber (wie 2004) sondern 170 kg. Die meisten anderen Betreiber konnten ihre Emissionen dagegen senken.
  • Die Quecksilber-Emissionen in die Luft von LII (Frankfurt-Höchst) liegen bei 1,301 Gramm Quecksilber pro Tonne Produktionskapazität. Das ist deutlich über dem zugelassenen Grenzwert von 1,0 g/t aus Art. 5.4.4. TA Luft: „Bei Altanlagen der Alkalichloridelektrolyse nach dem Amalgamverfahren dürfen die Emissionen an Quecksilber in der Zellensaalabluft im Jahresmittel das Massenverhältnis 1,0 g je Mg genehmigter Chlorproduktion nicht überschreiten.“ Seit die TA Luft 2002 in Kraft getreten ist, hat LII es noch nie geschafft, diesen Grenzwert einzuhalten! Die Übergangsfrist läuft am 30. Oktober 2007 ab.

Die zehn schmutzigsten Orte der Welt

17. September 2007

Das Blacksmith Institute hat gemeinsam mit dem Green Cross Schweiz eine Liste der zehn schmutzigsten Orte der Welt veröffentlicht (PDF, 1MB, engl.). Dabei wurde das Ausmass und die Giftigkeit der Verschmutzung, sowie die Anzahl der gefährdeten Menschen berücksichtigt. Sieben von zehn Orten liegen in Asien, sowie jeweils einer in Europa (Tschernobyl, Ukraine), Afrika (Kabwe in Sambia) und Südamerika (La Oroya in Peru).

  • Tschernobyl ist bekanntermaßen durch den Atomunfalls 1986 radioaktiv verseucht. Einige Millionen Menschen wurden gesundheitlich oder materiell geschädigt.
  • In Kabwe, der zweitgrößten Stadt Sambias, wurde bis 1994 Blei abgebaut. Eine viertel Million Menschen sind von Blei und Cadmium geschädigt.
  • Auch in La Orya in Peru wurden und werden immer noch Schwermetalle abgebaut und verarbeitet. 35.000 Menschen und die Umwelt sind mit Blei, Kupfer, Zink und Schwefel belastet.

In Asien sind jeweils zwei der zehn schmutzigsten Orte der Welt in China, Indien und Russland, einer ist in Aserbaidschan.

  • Vor der Küste bei Sumqayıt, der größten Industriestadt in Aserbaidschan, liegen große Erdölvorkommen. Aber nicht nur die Petrochemie, vor allem die Chlorproduktion mit Quecksilber macht das Leben in Sumqayıt so gefährlich. Die Weltbank hat inzwischen ein Projekt gestartet um die Gegend um ein Chlorwerk von 1.500 Tonnen Quecksilber zu reinigen.
  • In der 3-Millionen-Stadt Linfen in China verschmutzen zahlreiche Kohlekraftwerke, metallverarbeitende Betriebe, andere Industrieanlagen und PKW Luft und Wasser.
  • Tianying ist das Zentrum der Bleiproduktion in China. Mangelhafte Technik und illegale Methoden verschmutzen die Umwelt und gefährden 140.000 Menschen.
  • In Sukinda in Indien sind 2,6 Millionen Menschen von den Folgen des Chrom-Abbaus und der Chrom-Verarbeitung bedroht.
  • In Vapi in Indien sind es wiederum Chemiewerke, die die Umwelt verschmutzen. Unter anderem setzen Chlorwerke große Mengen Quecksilber frei. Der Quecksilbergehalt im Grundwasser liegt 100 Mal über dem Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation. Die 70.000 Bewohner haben dennoch keine Wahl als dieses Wasser ungereinigt zu trinken. Sie leiden unter Krebs, Hautkrankheiten, Früh- oder Totgeburte oder Missbildungen.
  • In Dserschinsk wurden zu Sowjetzeiten Chemiewaffen gebaut. Noch immer ist es ein bedeutender russischer Chemiestandort. Im Grundwasser sind erhebliche Mengen Arsen, Quecksilber, Blei und Dioxine. Die Lebenserwartung von 300.000 Menschen liegt bei nur 40-50 Jahren.
  • In Norilsk in Russland sind 134.000 Menschen vom Nickel-Abbau betroffen, der noch immer andauert.

Eine Karte mit den Orten findet sich bei Google Maps. Die erweiterte Liste enthält 30 Orte, wiederum zumeist in Asien. Vier dieser Orte sind vor allem mit Quecksilber belastet:

  • Der Matanza-Riauchuelo ist der dreckigste Fluss in Argentinien. Mehr als 3500 Industrieanlagen leiten organische Abfälle, Blei, Quecksilber, Chrom und anderes Gift in ihn. 4,5 Millionen Menschen sind dadurch gefährdet.
  • Wanshan gilt als die chinesische „Quecksilberhauptstadt“. 13 große Minen verschmutzten bis 2001 Luft, Wasser und Böden. Die Menschen leiden unter einem generell schwachem Immunsystem was sich an hohen Krankheitsraten zeigt: Krebs Tuberkulose, Malaria, Hautkrankheiten, Verdauungsstörungen und Gewichtsverlust bei 100.000 Menschen sind die Folge.
  • In Huancavelica (Peru) wurde 150 Jahre lang Quecksilber abgebaut. Die Lebenserwartung liegt bei nur 56 Jahren – in der Nachbarstadt sind es 78.
  • In Bratsk (Russland) hat seit den 70er Jahren ein Chlorwerk jeden Monat 2,5 Tonnen Quecksilber in den Angara-Fluss eingeleitet. 2,8 Millionen Menschen sind betroffen. Die Lebenserwartung liegt bei 44 Jahren.

Syphilis

17. September 2007

Syphilis-Erreger Treponema pallidum

Die Syphilis ist eine üble Geschlechtskrankheit. Identifizieren wollte sich nie jemand mit ihr. Lange ging man davon aus, dass Kolumbus’ Mannen die Seuche aus Amerika mitgebracht haben. Auf dem alten Kontinent hieß sie aber auch neapolitanische, italienische, französische, spanische, kastilische, englische, schottische oder polnische Krankheit. In den USA wurden noch bis in die 1970er Jahre Langzeitversuche mit Schwarzen durchgeführt, die als „sexuell hyperaktiv“ galten. Heute sieht man Syphilis in den westlichen Industriestaaten als „Schwulenkrankheit“ an. Tatsächlich sind 70-80% der über 3000 Betroffenen in Deutschland homosexuelle Männer. Das „schwule Jugendmagazin“ dbna hat daher grade einen interessanten Bericht über Syphilis veröffentlicht.

Seit 60 Jahren kann Syphilis mit Penicillin behandelt und sogar geheilt werden. Früher gab es rabiatere Behandlungsmethoden, weswegen ich mich überhaupt damit beschäftige. Denn bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Patienten am ganzen Körper mit Quecksilber eingerieben. Die Folge dieser Behandlung führte wahrscheinlich zu deutlich schnellerem Verfall als die Syphilis selber. Die Haare fielen aus, dann die Zähne, bis schließlich das Nervensystem und alle Körperfunktionen aussetzten. Nicht wenige Patienten dürften von ihren Ärzten umgebracht worden sein, bevor die Krankheit sie dahin raffte.


Umweltinformationsgesetz – stöhn

13. September 2007

Das UIG soll „den freien Zugang zu Umweltinformationen bei informationspflichtigen Stellen“ gewährleisten. Es beruhte auf der EU-Richtlinie 90/313/EWG und hätte spätestens 1992 in Kraft treten müssen. Das war aber erst Mitte 1994 der Fall. Statt „freiem Zugang“ gab es damals hohe Kosten, so dass der Europäische Gerichtshof das deutsche Gesetz für ungültig erklärt hat. Ein gültiges Gesetz trat schließlich erst 2001 in Kraft.

Zwei Jahre später stellte die EU-Richtlinie 2003/4/EG aber weitergehende Anforderungen, so dass 2005 schon wieder ein neues UIG erlassen wurde. Diesmal bockten einige Länder und wollten das Gesetz im Bundesrat blockieren. Der Bund hat reagiert und das UIG 2005 gilt nur für Bundesbehörden. Die Länder haben jeweils eigene Gesetze erlassen und durch die muss ich mich jetzt durchquälen um Informationen über Chlor-Werke in Bayern, Hessen Niedersachsen, NRW und Rheinland-Pfalz zu bekommen *grummel*.